Reflexion ist der Motor des Lernens beim Coachen. Wer mit etwas Abstand auf eine Sitzung schaut, entdeckt, was gut lief, wo es gehakt hat und was das mit einem selbst zu tun hat. Profis nutzen dafür Supervision (angeleitet von einer Supervisorin oder einem Supervisor) und Intervision (kollegiale Beratung unter Gleichgestellten). Beides hilft auch, schwierige Erlebnisse zu verarbeiten.
Gleichzeitig gilt: Dein Gegenüber hat sich nur deshalb geöffnet, weil es sich auf Vertraulichkeit verlassen kann. Diese Vertraulichkeit endet nicht mit der Sitzung.
Über dich sprechen, nicht über dein Gegenüber
Die gute Nachricht: Für deine Reflexion brauchst du die Geschichte deines Gegenübers meist gar nicht. Die spannenden Fragen drehen sich um dich:
- An welcher Stelle wusste ich nicht weiter?
- Wann habe ich geraten statt gefragt?
- Was hat in mir etwas ausgelöst, und warum?
- Was würde ich beim nächsten Mal anders machen?
Ein „Mein Coachee wollte über einen Konflikt sprechen“ reicht als Hintergrund völlig.
Ein Raster für deine Reflexion
Aus der Forschung kennt man allgemeine Wirkfaktoren, die in jedem Coaching wichtig sind (mehr dazu in „Was ist Coaching?“). Sie eignen sich gut als Raster:
- Beziehung: Wie war der Kontakt zwischen uns? Hat sich mein Gegenüber ernst genommen gefühlt?
- Verstehen: Habe ich das Anliegen genau genug verstanden, oder bin ich zu schnell weitergegangen?
- Stärken: Kamen die Fähigkeiten meines Gegenübers vor?
- Handeln: Gab es am Ende einen Schritt, der zu meinem Gegenüber passt?
- Motivation: War klar, was mein Gegenüber wirklich will?
Warum „ohne Namen“ oft nicht reicht
In einem großen Unternehmen ist „eine Kollegin mit Ärger im Team“ anonym. In einem Ausbildungsjahrgang mit wenigen Dutzend Menschen, die sich aus Seminaren und Gruppen kennen, sieht das anders aus. Schon die Kombination aus Thema, Lebenssituation und Wohnort kann reichen, um jemanden zu erkennen.
Lass deshalb weg oder verändere:
- Namen, auch Spitznamen und Initialen,
- Alter, Beruf, Arbeitgeber, Wohnort,
- besondere Lebensereignisse (Umzug, Trennung, Krankheit, Kinder),
- Details, die nur auf eine Person passen.
Ein guter Test: Könnte jemand aus dem Jahrgang erraten, um wen es geht? Dann noch mehr weglassen.
Mit wem und wo
- Allein: Notizen zu deinem eigenen Lernen sind gut. Schreib sie so, dass sie auch ohne Namen verständlich sind, und bewahre sie geschützt auf. In die App gehören keine Sitzungsinhalte.
- Mit Dozierenden, in Supervision oder Intervision: Hier ist Reflexion ausdrücklich gewollt. Auch dort gilt: ohne erkennbare Details.
- Im Jahrgang: In der Kaffeepause oder im Gruppenchat über Sitzungen zu reden, ist keine Reflexion, sondern ein Vertrauensbruch, auch wenn es nett gemeint ist.
- Mit einer KI: Was du eingibst, verlässt deinen Rechner. Gib nur erfundene oder stark veränderte Situationen ein, nie echte Gesprächsinhalte. Die KI-Übungen in den Lektionen arbeiten deshalb nur mit erfundenen Szenarien.
Lieber vorher fragen
Möchtest du eine Sitzung genauer besprechen, etwa für eine Hausarbeit oder in einer Fallbesprechung, frag dein Gegenüber vorher: „Darf ich über unsere Sitzung in der Supervision sprechen, ohne Namen und erkennbare Details?“ Das kostet wenig und schafft Vertrauen. Ein Nein gilt.
Für deinen nächsten Termin
Nimm dir nach deiner nächsten Sitzung als Coach zehn Minuten und beantworte schriftlich die fünf Fragen aus dem Raster, nur für dich und nicht in der App. Schreib so, dass niemand aus dem Jahrgang erraten könnte, um wen es geht.
Selbstcheck:
- Habe ich über mein Handeln geschrieben oder über die Geschichte meines Gegenübers?
- Würde der Test „Könnte jemand erraten, um wen es geht?“ bestehen?