Der Wunsch zu helfen hat viele von uns zum Coaching gebracht. Genau dieser Wunsch verleitet aber dazu, Lösungen zu liefern. Im Coaching hilft man anders.
Drei Arten zu helfen
Der Organisationspsychologe Edgar Schein hat drei Grundformen der Beratung unterschieden:
- Expertenberatung: Jemand kauft Wissen ein, das er selbst nicht hat. Das funktioniert, wenn das Problem klar ist und sich mit Fachwissen lösen lässt.
- Arzt-Patient-Modell: Der Berater untersucht, stellt eine Diagnose und „verschreibt“ eine Lösung. Die Verantwortung für die Lösung liegt weitgehend beim Berater.
- Prozessberatung: Der Berater gestaltet und steuert den Prozess, die inhaltliche Richtung bleibt beim Klienten.
Coaching ist überwiegend Prozessberatung. Die Haltung dahinter: Jeder Mensch kann seine Herausforderungen selbst reflektieren und sein Leben in die gewünschte Richtung lenken. Dein Gegenüber ist Spezialist für sich selbst. Du sorgst für den Rahmen, in dem es eigene, stimmige Lösungen findet.
Warum Ratschläge selten tragen
- Sie passen oft nicht. Was dir geholfen hat, setzt dein Leben voraus, nicht das deines Gegenübers.
- Sie beenden das Nachdenken. Wer eine Lösung vorgesetzt bekommt, sucht keine eigene mehr.
- Sie verschieben Verantwortung. Klappt der Rat nicht, war es „dein“ Plan.
- Veränderung braucht Beteiligung. Menschen tragen Veränderungen eher mit, wenn sie an Ziel und Weg selbst beteiligt sind.
Woran du den Ratschlag-Impuls merkst
- Du hörst dich sagen: „Hast du schon mal versucht …?“ oder „An deiner Stelle würde ich …“.
- Deine Fragen haben eine Antwort, die du schon im Kopf hast: „Wäre es nicht sinnvoll, wenn du …?“
- Du wirst ungeduldig, weil dein Gegenüber „nicht draufkommt“.
Mach daraus eine offene Frage: „Was hast du schon ausprobiert?“, „Welche Möglichkeiten siehst du?“, „Was würde dir eine Person raten, die das schon geschafft hat?“
Und wenn Wissen wirklich hilft?
Die Grenze zwischen Coaching und Beratung ist fließend. Beratende Elemente haben ihren Platz, etwa wenn deinem Gegenüber eine Information schlicht fehlt oder es ausdrücklich um deine Einschätzung bittet. Dann hilft eine klare Reihenfolge:
- Zuerst fragen, was dein Gegenüber selbst schon weiß und denkt.
- Erlaubnis einholen: „Darf ich eine Idee ergänzen?“
- Als eine von mehreren Möglichkeiten anbieten, nicht als Empfehlung.
- Zurückgeben: „Was davon passt für dich, was nicht?“
Wünscht sich jemand vor allem konkrete Handlungsempfehlungen, sprich das offen an. Vielleicht ist dann ein anderes Format passender, zum Beispiel eine Fachberatung.
Vorher – nachher
Dein Gegenüber erzählt, dass es mit dem Lernen für die Statistik-Klausur nicht anfängt.
- Weniger hilfreich: „Hast du schon mal die Pomodoro-Technik versucht? 25 Minuten lernen, 5 Minuten Pause. Hat mir total geholfen.“
- Hilfreicher: „Was hast du schon ausprobiert? Und wann ist es dir bei einem anderen Fach leichter gefallen anzufangen?“
Ein Satz für die Sitzung
„Ich habe keinen fertigen Lösungsweg im Kopf. Mir ist wichtig, dass wir etwas finden, das zu dir passt.“
Für deinen nächsten Termin
Mach in deiner nächsten Sitzung als Coach eine stille Strichliste: Jedes Mal, wenn du einen Ratschlag-Impuls bemerkst, ein Strich. Ob du ihn aussprichst oder in eine Frage verwandelst, ist zweitrangig. Erst einmal geht es ums Bemerken.
Zum Aufwärmen: Verwandle diese Sätze in offene Fragen: „Du solltest mal mit deiner Betreuerin reden.“ „Mach doch einfach einen Lernplan.“ „An deiner Stelle würde ich absagen.“
Selbstcheck danach:
- Wie viele Striche hatte ich, und bei welchen Themen?
- Habe ich Wissen, wenn überhaupt, mit Erlaubnis und als Möglichkeit angeboten?
- Kam die Lösung am Ende von meinem Gegenüber?