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Lektionen

Haltung · Grundlagen · 4 Min. Lesezeit

Prozess statt Ratschlag

Warum du im Coaching den Weg gestaltest und die Lösung beim Gegenüber bleibt.

Danach kannst du: drei Arten zu helfen nach Edgar Schein unterscheiden · Ratschlag-Impulse an typischen Signalen erkennen und in offene Fragen umwandeln · Wissen in vier Schritten einbringen, wenn es wirklich hilft

Der Wunsch zu helfen hat viele von uns zum Coaching gebracht. Genau dieser Wunsch verleitet aber dazu, Lösungen zu liefern. Im Coaching hilft man anders.

Drei Arten zu helfen

Der Organisationspsychologe Edgar Schein hat drei Grundformen der Beratung unterschieden:

  • Expertenberatung: Jemand kauft Wissen ein, das er selbst nicht hat. Das funktioniert, wenn das Problem klar ist und sich mit Fachwissen lösen lässt.
  • Arzt-Patient-Modell: Der Berater untersucht, stellt eine Diagnose und „verschreibt“ eine Lösung. Die Verantwortung für die Lösung liegt weitgehend beim Berater.
  • Prozessberatung: Der Berater gestaltet und steuert den Prozess, die inhaltliche Richtung bleibt beim Klienten.

Coaching ist überwiegend Prozessberatung. Die Haltung dahinter: Jeder Mensch kann seine Herausforderungen selbst reflektieren und sein Leben in die gewünschte Richtung lenken. Dein Gegenüber ist Spezialist für sich selbst. Du sorgst für den Rahmen, in dem es eigene, stimmige Lösungen findet.

Warum Ratschläge selten tragen

  • Sie passen oft nicht. Was dir geholfen hat, setzt dein Leben voraus, nicht das deines Gegenübers.
  • Sie beenden das Nachdenken. Wer eine Lösung vorgesetzt bekommt, sucht keine eigene mehr.
  • Sie verschieben Verantwortung. Klappt der Rat nicht, war es „dein“ Plan.
  • Veränderung braucht Beteiligung. Menschen tragen Veränderungen eher mit, wenn sie an Ziel und Weg selbst beteiligt sind.

Woran du den Ratschlag-Impuls merkst

  • Du hörst dich sagen: „Hast du schon mal versucht …?“ oder „An deiner Stelle würde ich …“.
  • Deine Fragen haben eine Antwort, die du schon im Kopf hast: „Wäre es nicht sinnvoll, wenn du …?“
  • Du wirst ungeduldig, weil dein Gegenüber „nicht draufkommt“.

Mach daraus eine offene Frage: „Was hast du schon ausprobiert?“, „Welche Möglichkeiten siehst du?“, „Was würde dir eine Person raten, die das schon geschafft hat?“

Und wenn Wissen wirklich hilft?

Die Grenze zwischen Coaching und Beratung ist fließend. Beratende Elemente haben ihren Platz, etwa wenn deinem Gegenüber eine Information schlicht fehlt oder es ausdrücklich um deine Einschätzung bittet. Dann hilft eine klare Reihenfolge:

  1. Zuerst fragen, was dein Gegenüber selbst schon weiß und denkt.
  2. Erlaubnis einholen: „Darf ich eine Idee ergänzen?“
  3. Als eine von mehreren Möglichkeiten anbieten, nicht als Empfehlung.
  4. Zurückgeben: „Was davon passt für dich, was nicht?“

Wünscht sich jemand vor allem konkrete Handlungsempfehlungen, sprich das offen an. Vielleicht ist dann ein anderes Format passender, zum Beispiel eine Fachberatung.

Vorher – nachher

Dein Gegenüber erzählt, dass es mit dem Lernen für die Statistik-Klausur nicht anfängt.

  • Weniger hilfreich: „Hast du schon mal die Pomodoro-Technik versucht? 25 Minuten lernen, 5 Minuten Pause. Hat mir total geholfen.“
  • Hilfreicher: „Was hast du schon ausprobiert? Und wann ist es dir bei einem anderen Fach leichter gefallen anzufangen?“

Ein Satz für die Sitzung

„Ich habe keinen fertigen Lösungsweg im Kopf. Mir ist wichtig, dass wir etwas finden, das zu dir passt.“

Für deinen nächsten Termin

Mach in deiner nächsten Sitzung als Coach eine stille Strichliste: Jedes Mal, wenn du einen Ratschlag-Impuls bemerkst, ein Strich. Ob du ihn aussprichst oder in eine Frage verwandelst, ist zweitrangig. Erst einmal geht es ums Bemerken.

Zum Aufwärmen: Verwandle diese Sätze in offene Fragen: „Du solltest mal mit deiner Betreuerin reden.“ „Mach doch einfach einen Lernplan.“ „An deiner Stelle würde ich absagen.“

Selbstcheck danach:

  • Wie viele Striche hatte ich, und bei welchen Themen?
  • Habe ich Wissen, wenn überhaupt, mit Erlaubnis und als Möglichkeit angeboten?
  • Kam die Lösung am Ende von meinem Gegenüber?

Herkunft: Edgar Schein (Organisationspsychologie, „Prozessberatung“); dahinter steht ein humanistisches Menschenbild.

Selbsttest

5 Fragen mit Auflösung, nur für dich
  1. 1. Wofür bist du als Coach zuständig?

  2. 2. Du ertappst dich bei der Frage „Wäre es nicht sinnvoll, wenn du mit deiner Betreuerin sprichst?“ Was ist daran das Problem?

  3. 3. Dein Coachee kennt eine Anlaufstelle der Hochschule nicht, die für sein Anliegen wichtig wäre. Was ist ein guter Weg?

  4. 4. Wie unterscheidet sich das Arzt-Patient-Modell von der Prozessberatung?

  5. 5. Jemand wünscht sich vor allem klare Handlungsempfehlungen. Was ist ehrlich?

Lust, das mit anderen zu üben?

Auf der Plattform übst du mit Mitstudierenden: mal als Coach, mal als Coachee.

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Zum Weiterlesen
  • Quirin, Jonas & Graßmann (Hrsg., 2026): Coachingpsychologie, Springer. S. 15 f. (humanistisches Menschenbild; Coaching unterstützt eher, Beratung ist oft direktiver; Übergang fließend, beratende Elemente im Coaching möglich), S. 22 f. (nicht-direktive Haltung, keine Anweisungen; „kein vordefinierter Lösungsweg“), S. 294 (Coachees als Spezialisten für sich selbst; bei Wunsch nach Handlungsempfehlungen anderes Format).
  • Schreyögg & Schmidt-Lellek (Hrsg., 2015): Die Professionalisierung von Coaching, Springer. S. 12 (Prozessexpertise nach Schein), S. 74 (Spannungsfelder wie Direktivität und Non-Direktivität, Wissen und Nichtwissen).
  • Rauen (Hrsg., 2021): Handbuch Coaching, Hogrefe. S. 529 (Coach als Prozessberater nimmt keine Aufgaben oder Verantwortung ab).