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Lektionen

Haltung · Vertiefung · 4 Min. Lesezeit

Zurückhaltung und Offenheit

Wie viel von dir ins Coaching gehört: eigene Erfahrungen, Meinungen und Bedürfnisse bewusst dosieren.

Danach kannst du: Abstinenz in ihren zwei Bedeutungen erklären · vor einer Selbstöffnung die Frage „Wem hilft es?“ anwenden · bemerken, wenn dich ein Thema selbst packt, und einen nächsten Schritt wählen

Wie viel von dir gehört ins Coaching? Eigene Erfahrungen, Meinungen, Gefühle? Darauf gibt es keine einfache Antwort, und genau das ist der Punkt dieser Lektion.

Ein Spannungsfeld, keine feste Regel

Der Begriff Abstinenz stammt aus der Psychoanalyse. Dort hielt sich der Analytiker mit allem Persönlichen zurück, um eine möglichst neutrale Projektionsfläche zu sein. In der Coaching-Literatur gibt es dazu zwei Sichtweisen:

  • Zurückhaltung: Coaches verzichten darauf, persönliche Meinungen und Werte zu äußern und daraus Bewertungen abzuleiten. So bleibt der Raum frei für die Sicht des Coachees.
  • Bewusste Offenheit: Strikte Zurückhaltung schafft ein starkes Gefälle zwischen den beiden. Niemand kann völlig neutral sein. Deshalb empfehlen manche eine reflektierte, sparsame Offenheit: eigene Eindrücke oder Berührtheit gezielt zeigen, wenn es dem Gespräch dient.

Für dich als Coach in Ausbildung heißt das: eher zurückhaltend, aber nicht stumm. Du darfst zeigen, dass dich etwas berührt. Eigene Geschichten, Meinungen und Lösungen bleiben aber meist draußen.

Die zweite Bedeutung: keine eigenen Bedürfnisse

Abstinenz meint noch etwas anderes, und darüber sind sich alle einig: Die Coaching-Beziehung dient nicht deinen eigenen Bedürfnissen. Unter Kommilitonen heißt das:

  • Keine Neugier befriedigen, die nichts mit dem Anliegen zu tun hat.
  • Nichts weitertragen, auch nicht „nur“ im Freundeskreis.
  • Keine Vorteile ziehen, etwa aus Wissen über eine gemeinsame Gruppenarbeit.
  • Nicht glänzen wollen: Du musst nichts beweisen, auch nicht, dass du eine gute Idee hast.

Warum das beim Üben im Jahrgang so schwer ist

Ihr seid in einer ähnlichen Lebensphase, schreibt vielleicht dieselben Prüfungen, kennt dieselben Dozierenden. Typische Ausrutscher:

  • „Geht mir genauso.“ Gut gemeint, verschiebt aber den Fokus auf dich.
  • „Bei mir hat geholfen …“ Ein Ratschlag im Gewand einer Geschichte.
  • Bewerten: „Die Dozentin ist aber auch schwierig.“ Damit stellst du dich auf eine Seite.
  • Annahmen: Du glaubst zu wissen, wie es sich anfühlt, und fragst nicht mehr nach.

Wenn dich ein Thema selbst packt

Manchmal berührt ein Thema etwas Eigenes: Ärger, Sorge, alte Erfahrungen. Das ist normal und passiert auch erfahrenen Coaches. Ein Fallbeispiel aus der Fachliteratur zeigt, wie es kippen kann: Ein Coach in Ausbildung verstrickt sich zunehmend in den Fall, ärgert sich, fängt an, Ratschläge zu geben, und untergräbt damit seine neutrale Rolle.

Was dann hilft:

  • Bemerken. „Das ärgert mich gerade selbst.“ Allein das schafft Abstand.
  • Zurück zum Gegenüber. „Wie ist das für dich?“
  • Später reflektieren. Nach der Sitzung, in einer Supervision oder mit Dozierenden, ohne Namen.
  • Ehrlich sein, wenn es nicht geht. Wenn du bei einem Thema nicht neutral sein kannst, sprich das an. Das ist professioneller als durchzuhalten.

Selbstöffnung: die Prüffrage

Bevor du etwas über dich sagst, frag dich: Hilft das gerade meinem Gegenüber oder mir? Wenn es deinem Gegenüber hilft, dann kurz, bewusst und mit Rückgabe:

„Ich kenne Prüfungsstress auch, aber bei jedem sieht er anders aus. Wie ist das bei dir?“

Ein Satz, dann ist der Raum wieder beim Coachee.

Hilfen in der Sitzung

  • Mitschreiben. Notizen halten dich bei den Worten deines Gegenübers.
  • Zusammenfassen mit den Worten des anderen, nicht mit deinen.
  • Nachfragen statt annehmen. „Was meinst du mit ‚stressig‘?“, auch wenn du glaubst, es zu wissen.

Für deinen nächsten Termin

Überleg dir vorher: Bei welchen Themen fällt dir Zurückhaltung besonders schwer, weil du sie selbst gut kennst? Achte in der Sitzung auf genau diese Momente. Wenn du etwas über dich sagen willst, stell dir vorher die Prüffrage.

Selbstcheck danach:

  • Gab es einen Moment, in dem ich von mir erzählen wollte? Habe ich die Prüffrage gestellt?
  • Habe ich etwas gefragt, nur weil es mich interessiert hat?
  • Hat mich ein Thema selbst gepackt, und wenn ja, wo reflektiere ich das?

Herkunft: Der Begriff Abstinenz stammt aus der Psychoanalyse; in der Coaching-Literatur wird er heute als Spannungsfeld zwischen Zurückhaltung und Beteiligung diskutiert.

Selbsttest

4 Fragen mit Auflösung, nur für dich
  1. 1. Welche Bedeutung von Abstinenz ist unter Fachleuten unumstritten?

  2. 2. Dein Coachee schimpft über einen Dozenten, den du auch schwierig findest. Was passt?

  3. 3. Ein Thema ärgert dich mitten in der Sitzung selbst. Was ist ein guter erster Schritt?

  4. 4. Wann ist ein kurzer Satz über dich selbst in Ordnung?

Lust, das mit anderen zu üben?

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Zum Weiterlesen
  • Quirin, Jonas & Graßmann (Hrsg., 2026): Coachingpsychologie, Springer. S. 22 f. (Merkmale der professionellen Coachingbeziehung: Arbeitsorientierung, professionelle Distanz, zeitliche Begrenzung, Verzicht auf persönliche Meinungen und Bewertungen; eigene Werte reflektieren), S. 243 (Fallbeispiel: Verstrickung, Ratschläge, Verlust der Neutralität), S. 296 (Notizen als Hilfe).
  • Schreyögg & Schmidt-Lellek (Hrsg., 2015): Die Professionalisierung von Coaching, Springer. S. 74 und 80 f. (Abstinenz und Beteiligung als Polarität; Herkunft aus der Psychoanalyse; reflektierte selektive Offenheit; Abstinenz als Verzicht auf Bedürfnisbefriedigung auf Kosten des Klienten).
  • Rauen (Hrsg., 2021): Handbuch Coaching, Hogrefe. S. 522 (fehlende Neutralität als Grund, von einem Coaching abzusehen).