Wie viel von dir gehört ins Coaching? Eigene Erfahrungen, Meinungen, Gefühle? Darauf gibt es keine einfache Antwort, und genau das ist der Punkt dieser Lektion.
Ein Spannungsfeld, keine feste Regel
Der Begriff Abstinenz stammt aus der Psychoanalyse. Dort hielt sich der Analytiker mit allem Persönlichen zurück, um eine möglichst neutrale Projektionsfläche zu sein. In der Coaching-Literatur gibt es dazu zwei Sichtweisen:
- Zurückhaltung: Coaches verzichten darauf, persönliche Meinungen und Werte zu äußern und daraus Bewertungen abzuleiten. So bleibt der Raum frei für die Sicht des Coachees.
- Bewusste Offenheit: Strikte Zurückhaltung schafft ein starkes Gefälle zwischen den beiden. Niemand kann völlig neutral sein. Deshalb empfehlen manche eine reflektierte, sparsame Offenheit: eigene Eindrücke oder Berührtheit gezielt zeigen, wenn es dem Gespräch dient.
Für dich als Coach in Ausbildung heißt das: eher zurückhaltend, aber nicht stumm. Du darfst zeigen, dass dich etwas berührt. Eigene Geschichten, Meinungen und Lösungen bleiben aber meist draußen.
Die zweite Bedeutung: keine eigenen Bedürfnisse
Abstinenz meint noch etwas anderes, und darüber sind sich alle einig: Die Coaching-Beziehung dient nicht deinen eigenen Bedürfnissen. Unter Kommilitonen heißt das:
- Keine Neugier befriedigen, die nichts mit dem Anliegen zu tun hat.
- Nichts weitertragen, auch nicht „nur“ im Freundeskreis.
- Keine Vorteile ziehen, etwa aus Wissen über eine gemeinsame Gruppenarbeit.
- Nicht glänzen wollen: Du musst nichts beweisen, auch nicht, dass du eine gute Idee hast.
Warum das beim Üben im Jahrgang so schwer ist
Ihr seid in einer ähnlichen Lebensphase, schreibt vielleicht dieselben Prüfungen, kennt dieselben Dozierenden. Typische Ausrutscher:
- „Geht mir genauso.“ Gut gemeint, verschiebt aber den Fokus auf dich.
- „Bei mir hat geholfen …“ Ein Ratschlag im Gewand einer Geschichte.
- Bewerten: „Die Dozentin ist aber auch schwierig.“ Damit stellst du dich auf eine Seite.
- Annahmen: Du glaubst zu wissen, wie es sich anfühlt, und fragst nicht mehr nach.
Wenn dich ein Thema selbst packt
Manchmal berührt ein Thema etwas Eigenes: Ärger, Sorge, alte Erfahrungen. Das ist normal und passiert auch erfahrenen Coaches. Ein Fallbeispiel aus der Fachliteratur zeigt, wie es kippen kann: Ein Coach in Ausbildung verstrickt sich zunehmend in den Fall, ärgert sich, fängt an, Ratschläge zu geben, und untergräbt damit seine neutrale Rolle.
Was dann hilft:
- Bemerken. „Das ärgert mich gerade selbst.“ Allein das schafft Abstand.
- Zurück zum Gegenüber. „Wie ist das für dich?“
- Später reflektieren. Nach der Sitzung, in einer Supervision oder mit Dozierenden, ohne Namen.
- Ehrlich sein, wenn es nicht geht. Wenn du bei einem Thema nicht neutral sein kannst, sprich das an. Das ist professioneller als durchzuhalten.
Selbstöffnung: die Prüffrage
Bevor du etwas über dich sagst, frag dich: Hilft das gerade meinem Gegenüber oder mir? Wenn es deinem Gegenüber hilft, dann kurz, bewusst und mit Rückgabe:
„Ich kenne Prüfungsstress auch, aber bei jedem sieht er anders aus. Wie ist das bei dir?“
Ein Satz, dann ist der Raum wieder beim Coachee.
Hilfen in der Sitzung
- Mitschreiben. Notizen halten dich bei den Worten deines Gegenübers.
- Zusammenfassen mit den Worten des anderen, nicht mit deinen.
- Nachfragen statt annehmen. „Was meinst du mit ‚stressig‘?“, auch wenn du glaubst, es zu wissen.
Für deinen nächsten Termin
Überleg dir vorher: Bei welchen Themen fällt dir Zurückhaltung besonders schwer, weil du sie selbst gut kennst? Achte in der Sitzung auf genau diese Momente. Wenn du etwas über dich sagen willst, stell dir vorher die Prüffrage.
Selbstcheck danach:
- Gab es einen Moment, in dem ich von mir erzählen wollte? Habe ich die Prüffrage gestellt?
- Habe ich etwas gefragt, nur weil es mich interessiert hat?
- Hat mich ein Thema selbst gepackt, und wenn ja, wo reflektiere ich das?